tanz-journal AKTUELLE AUSGABE Titel Ausgabe 6/09

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Momentaufnahmen
INHALT
 Schwerpunkt
Kulturelles Erbe

Tanzende Observatorien
Über eine zeitgenössische Choreographie, die mit astronomischem Blick eine bessere Gesellschaft jenseits des Spektakels sichtbar macht.
Helmut Ploebst

Die europäischen Gesellschaften könnten heute zu den glücklichsten zählen, die je existiert haben. Denn in ihnen sind Potentiale verankert, die Lösungsmodelle für beinahe alle Probleme im Zusammenleben von Menschen bereithalten. Doch das Aktivieren dieser Potentiale ist eine Aufgabe, die die Europäer nur mit großer Mühe bewältigen, denn sie haben mit schwierigen Erbschaften und neuen Realitäten umzugehen, deren Organisation die politische »Elite« überfordert.
Überforderung bewirkt vor allem Verdrängung, den Rückzug auf gesichert erscheinende Territorien, auf vermeintlich bewährte Methoden und auf eingefahrene Strukturen. Diese Verdrängung gaukelt Stabilität vor und führt dazu, daß nachhaltige Lösungsmodelle ignoriert werden. Wer die zahllosen Kommunikationssysteme, die dafür verantwortlich sind, ob Problemlösungspotentiale nutzbar gemacht werden oder nicht, trotzdem kritisch beobachten will, muß eine Leidenschaft für jene komplexen Choreographien haben, aus denen die Gegenwartsgesellschaften hervorgehen.
Ein symptomatisches Beispiel für ein solches Kommunikationssystem ist die aktuell ausgezeichnete Performance der Astronomie, die mit dem Einsatz des heute berühmten Weltraumteleskops Hubble begonnen hat. Die betörend schönen Bilder von fernen Galaxien, interstellaren Wolken und verhältnismäßig nahen Planeten, die Hubble seit 1993 aus den Weiten des Weltalls übermittelt, docken an die kollektive Sehnsucht nach dem Erlebnis der Verbundenheit mit den Strukturen des Universums an. Diese Bilder sagen: Unsere Körper sind aus Sternenstaub gemacht, und jeder Körper ist Teil des großen kosmischen Tanzes.
Über die ästhetische Wirkung ihrer Bilder und deren Aufbereitung in massenmedialen Edutainment- Formaten lösen Teilchen- und Astrophysik bei aller Erkenntnis auch eine naive kollektive Faszination aus, die Milliardeninvestitionen in die Weltraumtechnologie ermöglichen. Gebaut werden vor allem raffinierte Extensionen des körperlichen Wahrnehmungssystems: spezialisierte Weltraum- und riesige erdgebundene Observatorien, die Galaxien sichtbar machen, die Milliarden von Lichtjahren entfernt sind, oder Teilchenbeschleuniger wie der Große Hadronen-Speicherring der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) bei Genf. Um diesen Speicherring, die größte bisher von Menschen gebaute Maschine, kommunikationstechnisch bewältigen zu können, wurde im CERN vor 20 Jahren übrigens ganz nebenbei das World Wide Web entwickelt.

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