tanz-journal AKTUELLE AUSGABE Titel Ausgabe 6/09

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Momentaufnahmen
INHALT
 Schwerpunkt
Kulturelles Erbe

Das letzte Reale im Datenstrom der Zukunft
Vom Immateriellen zum Digitalen: Tanzarchive im Wandel.
Franz Anton Cramer

In den letzten Jahren ist der Begriff Archiv zu einem Platzhalter geworden für eine ganze Reihe von Anliegen und Fragestellungen. Besonders im Umfeld der darstellenden Kunst, und hier vor allem des Tanzes, steht »Archiv« für allerlei: für die museale Bewahrung von Gewesenem, für eine Ressource künstlerischer Arbeit und Inspiration, für ein komplexes Denkmodell über den Zusammenhang von Geschichte und Gegenwart, für einen puren Möglichkeitsraum, und schließlich und endlich steht »Archiv« für einen Arbeitszusammenhang der kulturellen Bildung, Vermittlung und Bewahrung immaterieller Erzeugnisse gesellschaftlicher Praxis.
Der Tanz hat hierin, wieder einmal, eine Vorreiterrolle eingenommen. Das liegt an seiner Erscheinungsweise als Bewegungsereignis, das nur zu einem bestimmten Augenblick (Zeitpunkt) in einer bestimmten Anordnung (Raumpunkt) statthaben kann. Das macht tänzerische Tatsachen einerseits besonders schwer archivierbar, andererseits liegt genau darin das Potential für intellektuelle und gesellschaftliche Innovation.
Denn die Techniken des Archivs als Ort des Sammelns und die Techniken der Archivbildung als kreativer Prozeß kollidieren oftmals. Jedenfalls ergänzen sie sich nicht ohne weiteres. Die aktuelle Aufgabe besteht also darin, die Bestände des Tanzerbes mit den Fragen des Tanzschaffens zu kombinieren, um aktuelle Archive der Aufführung und als Aufführung entstehen zu lassen. Die Aspekte des Wissens vom Tanz, der Neuschöpfung von Kontexten des Wissens und der Herstellung von Dokumenten, in denen das Wissen sich aufhält, treffen sich dreifach im »Archiv« als Institution, als Stätte und als Utopie. Wenn die Gesellschaften generell ein Bedürfnis haben, sich zu erinnern und die Hervorbringungen ihrer täglichen Praxis aufzubewahren, dann ist das Archiv die Verwirklichung dieses Bedürfnisses. Nicht nur das Verwaltungsarchiv oder die Archive von Gerichten, Ministerien und öffentlichen Einrichtungen, sondern auch die kleinen Erinnerungsboxen, die jeder zu Hause aufbewahrt, die überquellenden Schränke, die gespeicherten E-mails – die Erinnerung produziert sich selbst, und wenn man nicht aktiv für Auslöschung sorgt, triumphiert das Archiv als gleichsam parasitäres Erinnern. Die Last des Erinnerns und die Rasanz, mit der Erinnerungen sich anhäufen, weisen aber bereits auf die Grenzen des Archivs hin. Denn nicht alles, was war, kann und wird bewahrt werden. Insofern ist »Archiv« mehr noch als eine bloße Anhäufung vor allem auch eine Maßnahme der Reduktion. Denn was im Archiv landet, was also der Erinnerung zur Verfügung steht, ist ja eine Verringerung des Gesamten. Archive sind daher auch Einrichtungen zur Reduktion von Komplexität, sie abstrahieren.

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