Kulturelles Erbe
Vergangenheit – Gegenwart –
Zukunft
Über kulturelles Erbe und kollektives
Gedächtnis, Gehörtes und Erlesenes.
Katja Schneider

Mary Wigman wollte keine Epigonen um sich sammeln,
keine Technik kreieren und nicht der Gegenstand
von Rekonstruktionen sein. Sie war eine »Gegenwartsfanatikerin
«, stellt Irene Sieben fest und
zugleich in Frage: War sie das wirklich? Zunächst
scheint sich Wigman durchgesetzt zu haben: Bei
ihrem Tod 1973 in Berlin war die Protagonistin des
Ausdruckstanzes nur noch Legende. Das hat sich
geändert. Beim »Tanzkongreß 2009« in Hamburg trat
der junge Tänzer Fabián Barba mit Tänzen von Wigman
auf. Er war nicht der erste. In Amerika gab es
Rekonstruktionen, in Europa verwandelte sich die
Ballerina Sylvie Guillem den Hexentanz an, mit Hilfe
im übrigen von Sieben und Leanore Ickstadt, beides
Wigman-Schülerinnen.
Vorangegangen war diesen praktischen Belebungen eine theoretische Aufarbeitung und Revitalisierung der Ära des Ausdruckstanzes. Hedwig Müller publizierte in den achtziger Jahren ihre Biographie über die umstrittene Tänzerin und Choreographin und gründete zusammen mit Barbara Malásek die Zeitschrift tanzdrama, die sich explizit des verschütteten Ausdruckstanzes annehmen sollte. 1986 fand in Thurnau das von Gunhild Oberzaucher-Schüller initiierte Symposium »Ausdruckstanz« statt, bei dem Grundsteine gesetzt wurden und von dem viele Impulse für die weitere Forschung ausgingen.
1987 widmete sich Susanne Linke den Afectos humanos von Dore Hoyer. Weitere Wiederbelebungen folgten, zuletzt Martin Nachbar mit Urheben Aufheben, der Hoyers wuchtigem Statement mit »Fragen und Brüchen«, so Sieben, begegnete. Barba hingegen nehme Wigman beim Wort. Wenn man sich für einen Reenactment-Typus entscheiden müßte, wie sie Astrid Peterle klar voneinander trennt1, könnte man den Ansatz von Nachbar recht eindeutig als »reflektierenden« bezeichnen, weil er den Bruch zum Original deutlich macht und diese Brüchigkeit noch betont. Barba könnte man hingegen dem »kopierenden « Rekonstruktionsansatz zuordnen.
Von Hoyer gibt es ein Filmdokument, von Wigman nur Filmfragmente, nicht von allen Tänzen, die Barba zeigt, jeweils unterbrochen von einer kurzen Pause mit Klaviermusik: aus den Zyklen Schwingende Landschaft, Visionen und Feier. Es ist seine Abschlußarbeit bei P.A.R.T.S in Brüssel; faszinierend ist der Ernst, mit dem er tanzt, seine androgyne Gestalt, die Aura, die sich immer wieder herstellt, das Flirrend- Irritierende, wenn Posen, die man aus Bildern kennt, übergehen in völlig unbekannte Bewegungen und dadurch ihren Status als prominente Quelle etwas einbüßen, weil sie nicht mehr festnageln, sondern verflüssigen, eröffnen. Susanne Linke, Sieben und Katharine Sehnert haben mit Barba gearbeitet. Alle drei haben sie Wigman als Lehrerin erlebt, aber sie nicht mehr tanzen gesehen, was vielleicht, sagt Sieben, »ein Glück« gewesen sei und ihre Hilfe bei der Einstudierung überhaupt erst möglich gemacht habe. Weil kein Erinnerungsbild sich vor die Gegenwart schob.
Vorangegangen war diesen praktischen Belebungen eine theoretische Aufarbeitung und Revitalisierung der Ära des Ausdruckstanzes. Hedwig Müller publizierte in den achtziger Jahren ihre Biographie über die umstrittene Tänzerin und Choreographin und gründete zusammen mit Barbara Malásek die Zeitschrift tanzdrama, die sich explizit des verschütteten Ausdruckstanzes annehmen sollte. 1986 fand in Thurnau das von Gunhild Oberzaucher-Schüller initiierte Symposium »Ausdruckstanz« statt, bei dem Grundsteine gesetzt wurden und von dem viele Impulse für die weitere Forschung ausgingen.
1987 widmete sich Susanne Linke den Afectos humanos von Dore Hoyer. Weitere Wiederbelebungen folgten, zuletzt Martin Nachbar mit Urheben Aufheben, der Hoyers wuchtigem Statement mit »Fragen und Brüchen«, so Sieben, begegnete. Barba hingegen nehme Wigman beim Wort. Wenn man sich für einen Reenactment-Typus entscheiden müßte, wie sie Astrid Peterle klar voneinander trennt1, könnte man den Ansatz von Nachbar recht eindeutig als »reflektierenden« bezeichnen, weil er den Bruch zum Original deutlich macht und diese Brüchigkeit noch betont. Barba könnte man hingegen dem »kopierenden « Rekonstruktionsansatz zuordnen.
Von Hoyer gibt es ein Filmdokument, von Wigman nur Filmfragmente, nicht von allen Tänzen, die Barba zeigt, jeweils unterbrochen von einer kurzen Pause mit Klaviermusik: aus den Zyklen Schwingende Landschaft, Visionen und Feier. Es ist seine Abschlußarbeit bei P.A.R.T.S in Brüssel; faszinierend ist der Ernst, mit dem er tanzt, seine androgyne Gestalt, die Aura, die sich immer wieder herstellt, das Flirrend- Irritierende, wenn Posen, die man aus Bildern kennt, übergehen in völlig unbekannte Bewegungen und dadurch ihren Status als prominente Quelle etwas einbüßen, weil sie nicht mehr festnageln, sondern verflüssigen, eröffnen. Susanne Linke, Sieben und Katharine Sehnert haben mit Barba gearbeitet. Alle drei haben sie Wigman als Lehrerin erlebt, aber sie nicht mehr tanzen gesehen, was vielleicht, sagt Sieben, »ein Glück« gewesen sei und ihre Hilfe bei der Einstudierung überhaupt erst möglich gemacht habe. Weil kein Erinnerungsbild sich vor die Gegenwart schob.
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